2006
Nachfolgend möchte ich beschreiben, wie alles anfing, wie es weitergeht. Die nachstehenden Zeilen habe ich während meines ersten Krankenhausaufenthaltes an Weihnachten geschrieben. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich natürlich noch nicht, was mir bevorsteht, welche Diagnose gestellt werden würde - dies passierte erst Wochen später.
Mein
"schönstes"
Weihnachtsfest
Ich bin mittlerweile 57 Jahre alt und möchte
nachstehend schildern, wie ich mein „schönstes“ Weihnachtsfest erlebte bzw.
verlebte, nämlich im Krankenhaus.
Zunächst kurz zur
Vorgeschichte, wie es dazu kam. Ca. 4-5 Wochen plagte ich mich mit einem
permanenten Völlegefühl herum, bis ich mich dann am Montag vor Weihnachten
dazu entschloss, endlich zum Arzt zu gehen. Hier wurde dann aufgrund einer
Urinuntersuchung festgestellt, dass irgendwas mit der Galle sein müsse. Blut
wurde mir abgenommen, und am Mittwoch sollte ich dann wieder da sein, um die
Ergebnisse zu erfahren. Am Mittwoch erfuhr ich dann, dass das Blutbild an sich
zwar in Ordnung sei, die Werte für Leber, Bauchspeicheldrüse und Galle jedoch
wesentlich von der Norm abweichen würden. Empfehlung der Ärztin: ich solle
mich umgehend ins Krankenhaus begeben, nicht erst in den nächsten Tage oder gar
erst nach den Feiertagen, sondern gleich morgen früh.
Der
1. Tag
Also begab ich mich am
Donnerstagmorgen mit der Notfalleinweisung ins Vivantes-Klinikum im
Friedrichshain – nüchtern, denn ich dachte, für die Untersuchungen sei das
sicher von Vorteil. In der Notfallaufnahme kam ich dann auch relativ schnell
dran, es wurde der Blutdruck gemessen, ein EKG genommen, eine Infusionsnadel
gelegt und darüber Blut abgenommen, Urin untersucht, geröntgt,
Ultraschalluntersuchung. Mir wurde dann mitgeteilt, dass man mich stationär
aufnehmen wolle, um noch weitere Untersuchungen durchzuführen. Dem stimmte ich
zu und wurde dann auf Station 30 in Zimmer 13 aufgenommen. Kurz danach bekam ich
dann einen Zimmernachbarn, ein gleichaltriger Mann, bei dem Blutzucker
festgestellt worden war. Zu essen und zu trinken bekam ich noch nichts.
Nachmittags kam dann eine
Ärztin zur Anamnese. Ich war schon arg verwundert, dass mein Zimmernachbar das
alles mit anhören konnte, ebenso wie ich später seine Anamnese. Wie geht man
hier eigentlich mit Datenschutz um, mit Intimität, mit Würde? Und: geht man
davon aus, dass jeder Patient ehrlich antwortet, wenn andere zuhören?
Außerdem meinte die Ärztin,
ich würde gelb aussehen (meinte später noch mal ein Arzt). Gelb aussehen ist
dann gleichbedeutend mit Hepatitis, obwohl ich mit Drogen und Alkohol nichts zu
tun habe und auch keine Fernreise unternommen habe. Mein Einwand, dass ich ab
und zu auf die Sonnenbank gehe, in der letzten Zeit aber nicht mehr so regelmäßig
und dann kann die nachlassende Bräune etwas gelblich werden, wird
geflissentlich überhört.
Mir wurde zwischenzeitlich
gesagt, dass am Nachmittag noch eine Ultraschall-Untersuchung stattfinden würde.
Etwas später dann hieß es, die würde doch erst am nächsten Morgen durchgeführt.
Und noch etwas später wurde ich dann zum Ultraschall abgeholt…..
Großartige Ergebnisse
brachten diese ganzen Untersuchungen nicht, jedenfalls teilte man mir nichts
Entsprechendes mit. Also wolle man am nächsten Tag eine ERCP (endoskopisch
retrograde Cholangio-Pankreatographie) durchführen.
Abends bekam ich dann meine
erste Mahlzeit, Tee, 2 Scheiben Brot mit etwas Wurst.
Der
2. Tag
Kein Frühstück, den ich
sollte ja nüchtern sein, ebenso wenig Mittagessen. Um die Mittagszeit wurde ich
abgeholt, zunächst wurde eine ausführliche Ultraschall-Untersuchung durchgeführt.
Der Arzt entschloss sich danach, keine ERCP durchzuführen, sondern nur eine
Magenspiegelung.
Das war es dann auch für
diesen Tag an Untersuchungen; mir wurde noch mitgeteilt, dass man immer noch
keine greifbaren Ergebnisse zur Ursache hätte und deshalb solle wolle man am nächsten
Tag eine Computer-Tomographie (ct) durchführen.
Abends dann die erste
Mahlzeit des Tages – wie am Vortag.
Der
3. Tag
Kein Frühstück, da mir
die Schwester sagte, dass ich wegen der ct nüchtern sein müsse. Kurz vor
Mittag dann die Mitteilung durch eine Ärztin, dass es wohl an diesem Tag nichts
mit einer ct würde – außerdem hätte ich gar nicht nüchtern bleiben müssen…..
So bekam ich dann immerhin schon mal Mittagessen. Ansonsten warten, warten,
keine Informationen, wann was passiert. Auf meine drängenden Nachfragen hieß
es dann, ich wäre auf jeden Fall für morgen für ct vorgemerkt. Die
Infusionsnadel, die mir am 1. Tag in die linke Hand gelegt wurde, wird langsam
unangenehm.
Der
4. Tag, Heiligabend
Es ist noch dunkel, da
kommen zwei Schwestern ins Zimmer, um die Betten zu machen. Das von meinem
Zimmernachbarn machen sie, dann verlassen sie fluchtartig das Zimmer und lassen
die Tür sperrangelweit offen stehen. Wir liegen im Durchzug und ich frage mich,
was ich getan habe. Kein Frühstück, die Schwester meinte, ich müsse wegen der
CT nüchtern bleiben. Ich weise darauf hin, dass die Ärztin anderes gesagt hat.
Also wird die Ärztin geholt, die sagt, ct hätte mitgeteilt, ich müsse doch nüchtern
sein….. Auf meine Fragen, wann ich denn drankäme, heißt es, auf jeden Fall
heute, ich stehe auf der Liste, auf Abruf. Die Mittagszeit vergeht, natürlich
ohne essen und trinken für mich. Eine Schwester kommt und fragt, ob ich etwas
zu trinken haben möchte. Ich: ja natürlich, aber ich denke, ich soll nüchtern
bleiben? Sie: ach ja, stimmt ja….. Ich frage nach, wann die Untersuchung
beginnt – sie verlässt ohne Antwort das Zimmer.
Ein Arzt oder eine Ärztin
lässt sich nicht blicken (warum auch, ich bin ja kein Privatpatient),
Informationen gibt es nicht. Meinem Zimmernachbarn geht es ähnlich wie mir,
auch er weiß nicht, warum und wie lange er hier bleiben muss.
Ich spreche eine
freundliche Schwester an, die dann eine ganze Zeit später herausfindet, dass
heute keine Untersuchung stattfindet…. Ich bin stinksauer, will einen Arzt
sprechen und das Krankenhaus verlassen. Es dauert, aber dann kommt ein Arzt (im
übrigen hat man ständig mit anderen Ärzten und Schwestern zu tun – sicher
eine Folge des neuen Arbeitszeitgesetzes, macht es aber auch schwierig, mal
jemand zu erwischen, der kompetent ist, Verantwortung trägt). Er hört sich
meine Geschichte an, gehen lassen kann er mich nicht, aber er setzt sich für
einen konkreten Untersuchungstermin ein – dies gelingt ihm dann auch, es soll
nun der nächste Tag um 10 Uhr sein. Ob es dann auch klappt?
Endlich bekomme ich was zu
essen und zu trinken (ein kleine Wurst, etwas Kartoffelsalat und eine Scheibe
Brot – tolles Weihnachtsmahl) – aber am nächsten Tag muss ich wieder nüchtern
sein…..
Meine linke Hand und das
Handgelenk sind mittlerweile geschwollen und nur noch eingeschränkt bewegungsfähig,
Arzt und Schwester haben ein Einsehen und entfernen die Nadel.
Meine Familie und ich sind
tieftraurig, dass wir das Weihnachtsfest nicht gemeinsam verbringen können –
aber wen interessiert das hier schon?
Zwischenbilanz dieser
ersten 4 Tage: meine ursprünglichen Beschwerden sind nicht mehr vorhanden (kein
Wunder, da ich ja kaum etwas zu essen bekomme). Trotzdem geht es mir körperlich
schlechter, was zum einen an der unzureichenden Ernährung und andererseits am
„herumhängen“ auf dem Zimmer liegt – ich bin ja immer auf Abruf und kann
kaum etwas unternehmen. Psychisch geht’s sowieso schlecht, hier sitzen und
warten, nicht wissen, was man hat, wann und wie es weitergeht, die mangelnde
Kommunikation und schlechte Information durch Ärzte und Schwestern (sprechen
die sich eigentlich untereinander ab? Gibt es so was wie eine Dienstübergabe
oder ein Dienstbuch? Warum weiß der eine nicht, was der andere gesagt und getan
hat?). Und so nebenbei habe ich ausgerechnet, dass ich schon 40 Euro an
Zuzahlung los bin….
Der
5. Tag, 1. Feiertag
Der übliche Ablauf,
wecken, kein Frühstück, warten auf ct. Irgendwann kommt ein Arzt, der mir eine
Infusionsnadel in die rechte Hand setzt. Nun bin ich noch mehr eingeschränkt,
da meine linke Hand nach wie vor dick ist und ich sie kaum bewegen kann. Kurz
vor 10 Uhr dann die Nachricht, dass ich in die ct-Abteilung gehen könne. Alles
zusammen dauert dann eine knappe Stunde, muss einen Liter Wasser trinken,
bekomme ein Kontrastmittel eingespritzt, werde durch die Röhre geschoben.
Danach sagt mir die Ärztin, dass sie nichts hätte finden können, wonach sie
denn eigentlich suchen solle. ?????? Woher soll ich das denn wissen? Na ja, sie
wolle sich meine Akte und die Aufnahmen zu Gemüte führen und dann einen
Bericht schreiben. Auf der Station wird mir ein verspätetes Frühstück
angeboten, aber mittlerweile habe ich auch keinen Hunger mehr und warte lieber
auf das Mittagsessen.
Das bekomme ich dann auch,
etwas undefinierbar, wie sich dann herausstellt, ist es Fisch, Seelachs. Da kein
Arzt und auch keine Schwester kommt, frage ich gegen 14 Uhr nach. Nein, heute würde
kein Arzt kommen! Toll, dass man alles immer erst auf Nachfrage erfährt. Ich
bestehe darauf, einen Arzt zu sprechen, der dann später auch kommt. Beim ct wäre
nichts herausgekommen, keine Gewächse oder sonst irgendwas gefährliches
erkennbar. Tja und nun? Wie geht es jetzt weiter? Er sagt, ich wäre doch wegen
einer Entzündung ins Krankenhaus gekommen? Ich sage nein und erzähle noch mal
die Vorgeschichte mit meiner Hausärztin (liest hier eigentlich keiner eine
Krankenakte?). Warum mich denn meine Hausärztin vor den Feiertagen ins
Krankenhaus geschickt hätte? Na toll, glaubt der, ich war da so wild drauf,
einfach mal so zu Weihnachten ins Krankenhaus zu gehen? Also noch mal die
Geschichte, dass meine Hausärztin darauf bestanden hatte, dass ich umgehend ins
Krankenhaus gehe und nicht länger warte, da die Werte so schlecht waren.
Wann mir denn zum letzten
Mal Blut abgenommen und die Werte überprüft wurden (hallo Akte!)? Also,
vielleicht könnte ich ja morgen entlassen werden, aber man müsste noch mal die
Werte überprüfen. Und außerdem vielleicht noch eine Leberpunktion machen, das
ginge dann aber nur an einem Arbeitstag. Danach bin ich so schlau wie zuvor.
Meine linke Hand ist nach
wie vor dick; die Schwester, die mir vormittags Salbe und Kühlung versprochen
hatte, ward nicht mehr gesehen.
Beim Abendessen (aber
hallo, diesmal 3 Scheiben Brot und Geflügelsalat) sinniere ich darüber nach,
warum ich eigentlich hier bin; warum geballte ärztliche Kompetenz innerhalb von
5 Tagen nicht in der Lage ist, herauszufinden, woher die abweichenden Werte
kommen und eine Diagnose zu stellen.
Später, ich bin gerade auf
dem Gang, kommt ein Arzt auf mich zu und erklärt mir einiges zu dem, was man
bisher untersucht hat, was man gefunden bzw. nicht gefunden hat und wie es
weitergehen könnte – immerhin mal ein paar mehr Informationen.
Der
6. Tag, 2. Feiertag
Zum ersten mal erhalte ich
Frühstück! Und ich erhalte von dem Arzt vom Vorabend die Mitteilung, dass man
mich um die Mittagszeit herum entlassen wird. Sehr erfreulich, allerdings –
eine Diagnose, einen Befund gibt es nicht. Ich weiß nur, dass offensichtlich
kein Gallenstein oder Tumor gefunden wurde, aber das ist ja auch schon was. Ich
werde noch gebeten, am 28.12. zum Abschlussgespräch zu kommen. Das tue ich
auch, erhellendes gibt es aber nicht. Die Leberwerte sind wohl etwas gesunken,
aber immer noch auf sehr hohem Niveau. Gründe für die hohen Werte bzw. Gründe
für das leichte absinken kennt man nicht. Man bittet mich, mich doch Ende
Januar in der Endoskopie zu melden, dann wolle man eine Darmspiegelung durchführen,
eventuell auch noch eine Leberpunktierung. Und zu meiner nach wie vor
geschwollenen Hand: das könne vorkommen, weiterhin kühlen und Salbe
draufschmieren (wobei mir der 2. Arzt später noch sagt, dass die Salbe nichts
bringen würde und ich solle nur kühlen).
Na ja.
Die Tage zwischen Weihnachten und Silvester hatte ich planmäßig Urlaub. War noch ein bisschen schwach vom Krankenhausaufenthalt, aber ansonsten ging es eigentlich recht gut - nichts mehr von den ursprünglichen Beschwerden; nur das Wissen, da sind hohe Werte, die durch irgendetwas hervorgerufen werden, nagte in mir.